Die 38-jährige Spielmacherin Marzena Hochman beendet nach vier Jahren in Görlitz ihre aktive Karriere, hat aber als neue Trainerin noch viel mit dem HC vor. Ihr vorletztes Heimspiel auf dem Parkett hatte ein dramatisches Finale, bei dem auch Hochman wieder alles für ihre Görls gab.
Die Handballerinnen des Görlitzer HC haben nach einem 33:33‑Heim-Unentschieden gegen den VfL Meißen zwar keine realistische Chance mehr auf den Meistertitel in der Mitteldeutschen Regionalliga, sind andererseits aber dem angestrebten Podestplatz einen Schritt näher gekommen. Ein Sieg aus den letzten drei Spielen fehlt dafür noch, wobei das letzte Saisonspiel beim wohl neuen Meister und Aufsteiger in die 3. Liga, dem SC Markranstädt, stattfindet.
Für Marzena Hochman war dieses hochdramatische Spiel gegen Meißen das vorletzte Heimspiel ihrer aktiven Handballkarriere. Dass die 38-jährige Rückraumspielerin, zugleich „verlängerter Arm“ des Trainers Dirk Puschmann auf dem Parkett, überhaupt spielen konnte, war ein kleines Wunder. Vor zwei Wochen beim Spiel in Jena hatte sie sich den Daumen der linken Hand gebrochen. Ins Spiel ging sie mit einem Tape, welches sie sich während des Spiels immer wieder richten musste. Vier Tore erzielte sie, Meißen entschied sich lange für eine Pressdeckung gegen sie. Alles für das Team – das lebte Marzena Hochman auch in diesem Spiel vor.
Von Polen über Norwegens erste Liga nach Görlitz
Dass sie überhaupt in Görlitz Handball spielt, ist bei ihrer Story fast verwunderlich. Aufgewachsen im schlesischen Ruda Slaska (nahe Katowice) begann sie dort mit dem Handball und schaffte mit 17 Jahren den Sprung nach Kielce in Südostpolen. Der Handball-Club ist mit den Männern europäische Spitze, bei den Frauen damals polnischer Zweitligist.
Nach vier Jahren in Kielce gab es ein Angebot für Marzena Hochman aus Norwegen. Dort, im weltweit dominierenden Land des Frauenhandballs, spielte sie professionell sechseinhalb Jahre Handball, spricht deshalb perfekt Englisch und auch ein wenig Norwegisch. Nach einem ersten Jahr in der zweiten norwegischen Liga wechselte Marzena Hochman zu einem Erstligaclub in Bergen, wurde dort von einer Linksaußen zur Rückraumspielerin.
„Mir wurde gesagt, ich sei zu klein für den Rückraum. Aber meine Trainer in Norwegen sahen das anders, wollten das Beste von jedem Spieler nutzen.“ Im Fall von Marzena Hochman waren das ihr starkes Eins-gegen-eins-Spiel und ihr Blick für die Situation, Räume und Gelegenheiten auch für die Mitspielerinnen zu schaffen.
Von der Freundin im Café für Engagement in Görlitz überredet
Dass eine solche Spielerin in Görlitz, in der vierten deutschen Liga landete, war eigentlich ein kleines Wunder. Marzena Hochman war nach ihrer Handballkarriere nach Lubin gezogen, anderthalb Autostunden von Görlitz entfernt. Ihre Handballkarriere hatte sie seit zweieinhalb Jahren beendet, war inzwischen zweifache Mutter und für ihre Familie da. Eine „alte Handball-Freundin“ – Kinga Lalewicz, die damals für Görlitz spielte – traf sich dann mit ihr auf einen Café und überredete sie, vielleicht nochmal in Görlitz zu spielen.
Das war in der Corona-Saison 2021/22. Görlitz hatte durch den Abgang von drei Spielerinnen große Probleme. Der damalige Trainer Jörg Adam und Vizepräsident Dirk Puschmann trafen sich mit ihr in Lubin. „Ich habe meine Erwartungen und zeitlichen Möglichkeiten genannt, und wir haben uns geeinigt. Und jetzt spiele ich immer noch“, sagt die 38-Jährige lächelnd.
Es wurde eine Erfolgsgeschichte. In der Corona-Saison warf sie die Görls zum Klassenerhalt. Auch in den folgenden vier Spielzeiten sorgte sie als Spielmacherin mit vielen Toren mit dafür, dass die Görls immer um das Regionalliga-Podest kämpften. Vor dieser Saison drohte nach einem Wirbelbruch das Karriereende. Aber Marzena Hochman kämpfte sich mit viel Willen noch einmal zurück. Heute sagt sie jedoch: „Ich muss auf meinen Körper hören, der setzt ein Stoppzeichen. Ich höre nach dieser Saison auf.“
Dass ihr dieser Satz nicht leichtfällt, merkt man der jungen Frau an, die zu Hause im Handel arbeitet. Vom Handball aber wird sie nicht lassen. Sie ist ausgebildete Handballtrainerin, arbeitet in Lubin schon viele Jahre mit Kindern und hat aus ihrer langen Handballkarriere auch viel von ihren Trainern mitnehmen können. „Ich werde bei den Görls bleiben und ab der neuen Saison die Mannschaft als Cheftrainerin übernehmen. Dirk Puschmann wird mir zur Seite stehen“, lässt sie die Nachricht raus und ergänzt gleich: „Jetzt bin ich für die Spielerinnen eher wie eine Freundin, dann werde ich ihre Trainerin sein.“
Das wird Marzena Hochman als neue Görls-Trainerin ändern
Und sie hat einen Plan: „Wir werden etwas anders an die Arbeit mit unserem Körper und unserer Beweglichkeit herangehen, zudem das Training individueller gestalten. Wir wollen versuchen, das Beste aus jeder Spielerin herauszuholen und für das Team zu nutzen“, kündigt sie an.
Das Team habe viel Potenzial, mit jungen Spielerinnen wie Anica Czarnowsky als smarter Spielmacherin oder Samantha Edling als großem Talent mit einer höherklassigen Perspektive. Mit weiteren Talenten, den Anführerinnen Izabela Rzeszotek im Angriff, Dagmara Zychniewicz als Abwehrchefin, den starken Torhüterinnen Samantha Bambynek und Marie-Luise Ressel, vielleicht ein paar Verstärkungen. Marzena Hochman sieht gute Zukunftschancen für die Görls – mittelfristig auch eine Klasse höher.
Aber noch ist sie Spielerin. Gegen Meißen gab sie wieder alles, landete schwer gefoult in der Schlussphase auch mit dem Kopf auf dem Hallenboden. Ihre Mannschaft hatte da trotz eines personell dünn besetzten Rückraums und einer trotz Verletzung weiter kämpfenden Izabela Rzeszotek in der Schlussphase einen Vier-Tore-Rückstand gedreht – auch dank der überragenden Torhüterin Samantha Bambynek, die 30 Sekunden vor Schluss nach einer starken Parade sich zu einem riskanten Pass entschloss anstatt zum ruhigen Aufbau für den vielleicht siegbringenden Treffer. Der Pass ging schief. Die starke Ex-Görlitzerin Johanna Girbig hatte somit die Chance zum Siegtreffer für Meißen, aber auch diesen Ball entschärfte Bambynek, genauso wie den folgenden Siebenmeter. Damit war das Unentschieden gerettet.
Bericht: SZ Frank Thümmler 16.03.2026
Fotos: H.-E. Friedrich, Gert Richter, Verein, Tom Hilbig










































